Was bedeuten die Abmessungen am Schaftfräser? Die Kurzzeichen D1, D2, L1, L2, L, R und Z
Die genaue Bedeutung der Kurzzeichen D1, D2, L1, L2, L, R und Z in Katalogtabellen, welche Abmessung was bestimmt und worauf bei der Bestellung zu achten ist.
Kurzantwort
- D1 ist der Schneidendurchmesser, D2 der Schaftdurchmesser. Beide bei der Bestellung zu verwechseln, ist der häufigste Fehler.
- L1 ist die Schneidenlänge, L dagegen die Gesamtlänge des Werkzeugs. Die Tiefe der Tasche bestimmt L1, die für die Spannzange erforderliche Einspannlänge bestimmt L.
- R ist der Eckenradius, Z die Schneidenzahl. Bei R = D1/2 wird das Werkzeug zum Kugelfräser (ball nose).
Die Tabellen in Katalogen für Zerspanungswerkzeuge wirken auf den ersten Blick verschlüsselt:
D1, D2, L1, L2, L, R, Z. Es handelt sich nicht um beliebige Abkürzungen, sondern um
die in der Branche eingebürgerten Kurzformen der Größen, die in der Werkzeugdaten-Norm
ISO 13399 definiert sind. Dieser Ratgeber erläutert jede einzelne und zeigt, worauf bei der
Bestellung zu achten ist.
Kurzantwort: das Spaltenverzeichnis
| Kurzzeichen | Deutsche Bezeichnung | ISO 13399 | Bestimmt |
|---|---|---|---|
| D1 | Schneidendurchmesser | DC | Breite der zu fräsenden Nut/Tasche, Berechnung der Schnittgeschwindigkeit |
| D2 | Schaftdurchmesser | DCON | Wahl von Werkzeugaufnahme/Spannzange |
| L1 | Schneidenlänge | LCF | Maximale axiale Schnitttiefe |
| L2 | Hals- bzw. Zugangslänge | LU | Verhindert in tiefen Taschen das Streifen des Grundkörpers am Werkstück |
| L | Gesamtlänge | OAL | Auskraglänge aus der Spannzange, Abdrängung und Rattern |
| R | Eckenradius | RE | Eckenfestigkeit, Flächenform |
| Z | Schneidenzahl | NOF | Vorschubberechnung, Spanabfuhr |
D1: Schneidendurchmesser
Das ist der Durchmesser des Kreises, den die Schneidkanten beschreiben. Er entspricht der
Breite der Nut, die der Fräser erzeugt, und ist zugleich der Wert D in der Berechnung der
Schnittgeschwindigkeit:
n = (Vc × 1000) / (π × D1)
Steht im Katalog Ø8, fräst das Werkzeug eine 8 mm breite Nut. Die Toleranzen unterscheiden sich
je nach Hersteller und Sorte; bei Präzisionsarbeiten ist die Toleranzzeile im Katalog
heranzuziehen (typischerweise h10 oder enger).
D2: Schaftdurchmesser
Das ist der Durchmesser des zylindrischen Teils, der in die Werkzeugaufnahme eingespannt wird. Er ist vom Schneidendurchmesser unabhängig.
Die praktische Folge dieser Unterscheidung: bei Fräsern mit kleinem Durchmesser ist der Schaft in der Regel dicker. Ein Schaftfräser mit Ø1 mm Schneidendurchmesser wird meist mit Ø4 mm oder Ø6 mm Schaft gefertigt, denn ein Schaft von Ø1 mm lässt sich mit einer Spannzange nicht sicher spannen, und Rattern wäre unvermeidlich.
Kritischer Punkt: Wird eine Ø6-Spannzange verwendet, ist die Zeile mit D2 = Ø6 zu wählen. Die Zeile mit D1 = Ø6 kann einen Schaft mit D2 = Ø8 haben, und in diesem Fall spannt die Spannzange das Werkzeug nicht. Die beiden Spalten der Tabelle sind getrennt voneinander zu lesen.
L1: Schneidenlänge
Das ist die Länge der Schneidkanten. Sie bestimmt die maximale axiale Tiefe (ap), die in
einem Schnitt erreichbar ist.
- Für eine Tasche von 18 mm Tiefe muss L1 ≥ 18 mm sein.
- Ein großes L1 ist nicht immer von Vorteil: Mit zunehmender Schneidenlänge wird das Werkzeug nachgiebiger, Abdrängung und Rattern nehmen zu. Es ist nur so viel L1 zu wählen wie nötig, mehr ist nicht zu empfehlen.
Faustregel: Übersteigt das Verhältnis L1 / D1 den Wert 3, sind die Schnittparameter zu senken.
L2: Hals- bzw. Zugangslänge
Nicht bei jedem Werkzeug vorhanden. Es ist der auf den Schneidenteil folgende, nicht schneidende, aber im Durchmesser zurückgesetzte Halsabschnitt. In tiefen Taschen und Nuten verhindert er das Streifen des Grundkörpers an der Werkstückkante.
Fehlt in der Tabelle die Spalte L2, gibt es in dieser Produktfamilie keine Halsfreistellung; das ist normal. In den Tabellen von ATH Tools werden keine leeren Spalten angezeigt; aufgeführt sind nur die Maße, die in der jeweiligen Familie tatsächlich vorkommen.
L: Gesamtlänge
Das ist die Länge des Werkzeugs von Ende zu Ende. Sie bestimmt die Zerspanleistung nicht unmittelbar, wohl aber zwei Dinge:
- Auskraglänge (overhang): Je weiter das Werkzeug aus der Spannzange herausragt, desto größer die Ratterneigung. Die Abdrängung wächst proportional zur dritten Potenz der Auskraglänge: eine Verdopplung der Auskraglänge verachtfacht die Abdrängung.
- Zugänglichkeit: Muss in eine tiefe Formkavität eingetaucht werden, ist ein ausreichendes L erforderlich.
Faustregel: Es wird das kürzeste Werkzeug gewählt, das die Aufgabe erfüllt.
R: Eckenradius
Das ist die Abrundung an der Ecke der Schneidkante.
| R-Wert | Werkzeugtyp | Einsatz |
|---|---|---|
| R = 0 | Flacher Schaftfräser (square) | Nuten und Taschen mit scharfer, rechtwinkliger Ecke |
| 0 < R < D1/2 | Eckenradiusfräser (bull nose / torus) | Schruppen und universeller Einsatz; die widerstandsfähigste Geometrie |
| R = D1/2 | Kugelfräser (ball nose) | 3D-Flächen, Formenschlichten |
Die Ecke ist die schwächste Stelle der Schneidkante: Dort konzentriert sich die Spannung. Schon ein kleiner Radius verteilt diese Konzentration und verlängert die Standzeit deutlich. Deshalb ist beim Schruppen nach Möglichkeit ein Werkzeug mit Eckenradius vorzuziehen.
Z: Schneidenzahl
Das ist die Anzahl der Schneidkanten (Zähne) des Werkzeugs. Sie geht unmittelbar in die Vorschubberechnung ein:
vf = fz × Z × n
Bei gleicher Drehzahl und gleichem Zahnvorschub verdoppelt eine Verdopplung von Z den Tischvorschub. Deshalb erscheint es so, als gelte „mehr Schneiden = schneller“. Es gibt jedoch eine Grenze: Mit steigender Schneidenzahl verringert sich das Volumen der Spannut.
| Werkstoff / Operation | Empfohlenes Z | Grund |
|---|---|---|
| Aluminium, Kupfer, Kunststoff | 2–3 | Großes Spanvolumen, Abfuhr kritisch |
| Stahl allgemein, Schruppen | 3–4 | Ausgewogen |
| Stahl schlichten | 4–5 | Bessere Oberfläche, geringes Spanvolumen |
| Gehärteter Stahl (45+ HRC) | 4–6 | Kleiner Span, Last je Schneide wird gering gehalten |
| Volles Nutfräsen (ae = D1) | 2–3 | Verstopft die Spannut, bricht das Werkzeug |
Fünf Prüfungen vor der Bestellung
- Passt D2 zur verwendeten Spannzange? (Der häufigste Fehler.)
- Ist L1 größer als die Taschentiefe?
- Ist L nicht länger als nötig? (Kurzes Werkzeug = wenig Rattern.)
- Passt Z zur vorgesehenen Operation? (Beim vollen Nutfräsen 2–3.)
- Ist R für die angestrebte Geometrie richtig? (Wo eine rechtwinklige Ecke nötig ist, R = 0.)
Von der Abmessung zum Werkzeug
In den Produkttabellen von ATH Tools ist jede Zeile eine eigene Bestellnummer; anhand der oben
beschriebenen Spalten lässt sich die gewünschte Abmessung direkt in den Warenkorb legen. Durch
Eingabe eines Maßes in das Suchfeld über der Tabelle (etwa 8 oder Ø8) lassen sich die Zeilen
eingrenzen.
Um mit den richtigen Parametern zu arbeiten, kann nach der Festlegung der Abmessung der Schnittparameter-Rechner genutzt werden; nach Eingabe von Schneidendurchmesser und Schneidenzahl werden Drehzahl und Vorschub berechnet.
Häufige Fragen
Können D1 und D2 unterschiedlich sein?
Ja, und das ist sehr verbreitet. Bei Fräsern mit kleinem Durchmesser wird der Schaftdurchmesser für eine sichere Spannung in der Werkzeugaufnahme größer als der Schneidendurchmesser ausgeführt. Ein Fräser mit Ø2 mm Schneidendurchmesser wird beispielsweise mit Ø4 mm oder Ø6 mm Schaft gefertigt. Bei der Bestellung ist zu prüfen, ob die verwendete Werkzeugaufnahme oder Spannzange zum Wert von D2 passt.
Ist L1 oder L maßgebend?
Beide sind maßgebend. L1 (die Schneidenlänge) bestimmt die maximal erreichbare axiale Tiefe; für eine Tasche von 18 mm Tiefe muss L1 ≥ 18 mm sein. L (die Gesamtlänge) bestimmt dagegen, wie weit das Werkzeug aus der Spannzange herausragt; ein unnötig langes Werkzeug bedeutet große Auskraglänge und Rattern.
Wonach richtet sich die Schneidenzahl (Z)?
Kurz gesagt: nach der Spanabfuhr. Mit steigender Schneidenzahl wird die Spannut enger. In Aluminium werden 2–3, in Stahl 3–4, in gehärtetem Stahl und bei Schlichtarbeiten 4–6 Schneiden eingesetzt. Beim vollen Nutfräsen führt eine Schneidenzahl über 2–3 zum Werkzeugbruch.
Wozu dient der Eckenradius (R)?
Er rundet die Ecke der Schneidkante ab und verteilt damit die Spannungskonzentration. Ein Fräser mit scharfer Ecke (flach) bricht beim Schruppen schnell an der Ecke aus; ein Radius zwischen R = 0,5 und 2 mm verlängert die Standzeit deutlich und lässt höhere Vorschubwerte zu.
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